Analoge Transformation

Leute in meinem Alter haben sie noch erlebt: Dia-Abende. Nach dem Essen wurde der Diaprojektor angestellt und dann gab es kein Entrinnen mehr. Der letzte Urlaub der Gastgeber wurde in oft unscharfen Bildern an die Wand geworfen und ausgiebig kommentiert. «Das links neben dem Brunnen sind Onkel Charly und ich.» «Nein, das ist Onkel Paul.» «Sicher nicht, Paul hat nie Jeans getragen.» So wurde oft geraten, wen die unscharfen Figuren darstellten. Zumindest wusste man, wo der Urlaub stattgefunden hatte, denn die Diabox war ja zum Glück angeschrieben.

Die erste digitale Revolution bei der Fotografie änderte das: Autofokus und automatische Belichtung machten Charly zu Charly und Paul zu Paul. Der Automodus sorgte für scharfe Fotos und Verwackelungen, Unter- und Überbelichtungen wurden selten. Aber die Fotos kaum besser. Die Abbildung des Brunnens war langweilig und noch immer wurden die Unterschenkel von Charly und Paul abgeschnitten, weil der Kopf ja in der Mitte des Bildes sein musste. Dafür wurde die obere Hälfte des Bildes weiterhin mit urlaubblauem Himmel verschwendet. Zum Glück waren die Preise für Film und Entwicklung immer noch so hoch, dass der Abend zumindest mal ein Ende hatte.

Die nächste digitale Revolution änderte das: Nicht nur der Fotoapparat war nun digital transformiert, sondern das Bild selbst: Plötzlich fanden Hunderte von Bildern auf einer Speicherkarte Platz und das einzelne Bild kostete sozusagen nichts mehr. Es kam also, wie es kommen musste: Noch mehr schlechte Bilder. Immerhin waren anfangs die Beamer noch fast unbezahlbar und die Digitalisierung führte daher sogar zu einem Rückgang der Dia-Abende.

Heute können die Gastgeber endlos viele Bilder am Grossbild-TV (wenn die Gäste Glück haben, sonst am Handy) zeigen. Und wenn die Gäste zwischendurch eingenickt sind, können sie die verpassten Bilder noch auf dem Instagram-Account der Gastgeber nachträglich anschauen. Tausende Bilder scharf. Aber immer noch Tausende langweilige Brunnen und zu viel blauer Himmel.

Denn was die digitale Transformation leider kaum verändert hat, ist der Blick auf das Motiv, das Auge für gute Bilder. Die Wahl des Ausschnitts, die Perspektive, der richtige Augenblick, die Komposition der Bildebenen usw. führen zu guten Bildern. Das wird aber auch der nächste foto-digitale Schritt nicht bringen, denn dazu braucht es eine analoge Transformation des Fotografenblicks.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in vielen anderen Bereichen beobachten. Schauen wir also genau hin, wie Qualität entsteht und was die Digitalisierung zur Verbesserung beitragen kann. Nicht dass wir uns irgendwann wieder nach Dia-Abenden sehnen…